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Foto-Rollen

Das Interview führte Dagmar.

Volker Derlath, 1960 geboren, lebt und arbeitet in München als Straßen- und Theaterfotograf. Er unterrichtet Fotografie u.a. an der Volkshochschule mit den Schwerpunkten Theater, Portrait und Oktoberfest. Er unterrichtet an der Journalisten-Akademie in Salzburg und hat bereits an mehreren Buchprojekten mitgearbeitet. Er betreibt keine Website.

 

Teil I

„Das Werden des eigenen Sehens schützen“
(Volker Derlath)

Photowalkingmunich: Erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Foto?
Volker Derlath: Es gab einige Bilder aus meiner Frühzeit, bei denen ich gespürt habe, dass sie mich auf einen Weg bringen. An „das“ erste Bild kann ich mich eigentlich nicht erinnern. Wenn, dann war das keine Fotografie, sondern eine Zeichnung, weil ich ursprünglich sehr viel gezeichnet habe. Das war so mit fünf Jahren.

PWM: Seit wann arbeitest Du als Fotograf?
VD: Erst mal brauchte ich ungefähr eine zweijährige Anlaufzeit, bis ich wusste, was ich mit der Fotografie will. Ich wollte Straßenfotografie in Schwarzweiß betreiben. Das hatte zunächst einmal mit Broterwerb nichts zu tun. Ich habe dann zwischen den Jahren 1983 und 1989 nur sehr zögerlich Aufträge angenommen, weil ich erst einmal das Werden meines eigenen Sehens schützen wollte.

PWM: Bedeutet das, dass die Aufträge auf Dich zukamen?
VD: Ja, die Leute sind auf mich zugekommen. Ich habe einige Sachen gemacht, einige auch nicht. Das erste, was ich gegen Geld fotografiert habe, war Theaterfotografie. Darum habe ich mich selber bemüht, da mich an der Ausübung der Straßenfotografie z.B. das Wetter hinderte. Ich hab überlegte mir, was der Straßenfotografie nahe kommt und landete so bei der Theaterfotografie.

PWM: Warum Straßenfotografie?
VD: Die Straßenfotografie zwang ich mich, mit der Realität in Kontakt zu treten. Ich wollte zunächst etwas im Sprachlichen machen, unabhängig von der Fotografie, sei es, dass ich selber etwas schreibe. Ich hatte angefangen, Kurzgeschichten aus dem Italienischen zu übersetzen. Dabei stellte ich fest, dass ich, wenn ich im stillen Kämmerlein vor mich hinarbeite, noch verrückter werde als ich es ohnehin schon bin. Die Fotografie habe ich dann mit einer gewissen Sturheit verfolgt.

PWM: Hast Du studiert oder eine Ausbildung zum Fotografen gemacht?
VD: Ich bin Schulabbrecher und habe danach erst wieder eine Lehranstalt betreten, als ich selber wieder unterrichten musste. Ich habe weder einen Beruf erlernt noch einen besonderen Schulabschluss.

PWM: Seit wann arbeitest Du als Fotograf?
VD: 1982 fing ich an, ganz konzentriert an Bildserien zu arbeiten. Die Erwerbstätigkeit kam dann im Laufe der nächsten sechs Jahre allmählich erst dazu.

PWM: Wie wird man professioneller Fotograf?
VD: Indem man fotografiert.

PWM: Was magst Du mit der Fotografie vermitteln, was erreichen?
VD: Zunächst einmal möchte ich erreichen, dass ich beim Fotografieren selber für mich ein schönes Erlebnis habe. Ich habe das mal zum Entsetzen mancher so formuliert, dass ich, als ich anfing auf der Straße zu fotografieren, eine sehr aggressive Vorgehensweise hatte, d.h. ich fotografiere auch heute noch immer ohne zu fragen – und ich fotografiere aus ungefähr einem Meter Abstand. Es sind im Grunde Überfälle und es fühlt sich im Grunde so ähnlich an wie töten. Ich finde das sehr angenehm, weil ich doch sehr starke destruktive Persönlichkeitsanteile habe. Der Vorteil an meiner Vorgehensweise ist, dass hinterher keine Leiche herum liegt, sondern etwas Neugeschaffenes und eine Aussage auch über die Gesellschaft. Ich pflege auch heute noch einen sozialdokumentarischen Ansatz, der aber eine sehr subjektive Sichtweise beinhaltet. Und diese subjektive Sichtweise wollte ich immer betonen.

PWM: Wie viel Fotos umfasst Dein Archiv etwa?
VD: Es gibt eine Reihe von Negativordnern mit eher privaten Sachen oder auch Aufträgen, die sich sehr stark mit meinen privaten Zielvorstellungen decken. Dann gibt es Ordner mit reiner Auftragsfotografie, also überwiegend Portrait- und Theaterfotografie. Ich nehme mal an, dass in diesen Ordnern etwa 15.000 Bilder sind. An Schwarzweiß-18×24-Abzügen habe ich wahrscheinlich so um die 200.000.

PWM: Nach welchen Kriterien entscheidet sich, ob Du analog oder digital fotografierst?
VD: Etliche meiner Bilder sammelt das Historische Bildarchiv der Stadt München; z.B. meine allererste Serie von 1982, ein groß angelegtes Langzeitprojekt wie die Veränderungen der Fußgängerzone. Eine zweite sehr große Serie dreht sich um das Münchner Oktoberfest. Diese Serie verfolge ich seit 1985 mit immer derselben Technik: Kleinbild (analog), schwarzweiß, Normalobjektiv oder leichtes Weitwinkel mit Aufsteckblitz. Historische Bildarchive wollen schwarzweiß Abzüge, weil diese eine gesicherte Mindesthaltbarkeit von 80 Jahren haben. Bei den digitalen Fotos weiß man es noch nicht.

 

Kürzlich präsentierten wir Euch den ersten Teil des umfangreichen Interviews mit dem Berufsfotografen Volker Derlath. Hier kommt nun der zweite und letzte Teil.

Teil II

„Man muss sein Handwerkszeug beherrschen.“
(Volker Derlath)

PWM: Du bist selbständig: Für wen arbeitest Du?
VD: Ich habe mir im Laufe der Jahre eine Vielzahl von ökonomischen Nischen geschaffen. So bin ich z.B. bei einer österreichischen Zeitung dabei. Ich bin auch noch der fotografische Bayernkorrespondent von der „taz“ in Berlin. Aber das ist weniger geworden. Dann mache ich noch Portraitfotos für verschiedene Verlage. Es kommt auch immer wieder Veranstaltungsfotografie dazu. Und natürlich immer auch noch Theaterfotografie. Ein Teil hat sich verlagert auf Unterricht. Oder ich mache bei Mappen-Begutachtungen mit, z.B. in Freising bei der Veranstaltung „Gute Aussichten“.

Dann gibt es noch meine eigenen Geschichten. Etwas, das ich für mich entdeckt habe, ist eine Spielart der Museumsfotografie. Wir sitzen hier gerade im Café im Stadtmuseum. Das Stadtmuseum hat im dritten Stock eine sehr schöne Abteilung „Schaustellerei“, wo man historische Geisterbahnfiguren, Karussellfiguren und dergleichen sehen kann. Aus Platzgründen können allerdings 90% der Sammlung nicht zu gezeigt werden. Hierfür gibt es eine große Fabrikhalle in Allach. Ich habe die in der Fabrikhalle eingelagerten Figuren fotografiert, wie sie in die Regale gestopft sind, wodurch ein ganz eigener Eindruck entsteht. So können die Museumsbesucher auch etwas von dem haben, was aus Platzgründen nicht gezeigt werden kann: Die Fotos laufen jetzt hier auf einem Monitor. Solche Tätigkeitsfelder sind mir im Laufe der Jahre zugewachsen.

PWM: Ist es wichtig, womit man fotografiert?
VD: Das kommt darauf an, was man mit den Bildern machen möchte. Wenn Du anstrebst, ein 70×100-Abzug an die Wand zu hängen, der eine sehr hohe Zeichnung im Detail aufweisen soll, ist es sicher nicht sinnvoll, das mit dem Handy zu machen. Es hängt immer davon ab, was man möchte. Es gibt Menschen, die hoch technisiert sind, aber nebenbei Serien mit der Lochkamera fotografieren, weil sie eben Fotos aus der Lochkamera haben wollen. Insofern lässt sich das überhaupt nicht sagen.

PWM: Womit fotografierst Du?
VD: Im analogen Bereich mit einer Pentax LX, die einzige Profikamera, die Pentax damals hergestellt hat. Im digitalen Bereich mit einer Nikon D700, also eine Vollformat-Kamera. Das erspart mir die Rechnerei. Worauf ich selber großen Wert lege, ist, dass ich einigermaßen sehe, was ich tue. Und das Sucherfenster ist dafür groß genug.

PWM: Wonach orientiert sich die Auswahl Deiner Objektive und Brennweite?
VD: Ich fotografiere sehr viel mit einer Normalbrennweite, also einem 50mm-Objektiv oder einem leichten Weitwinkel. Das sind die Objektive, die ich für meinen Alltag gebrauche. Wenn ich für Aufträge fotografiere, kann es schon mal sein, dass ich auch Telebrennweiten verwende, obwohl ich sie nicht mag.

PWM: Du bist Dein eigener Arbeitgeber. Wie gehst Du bei der Bildauswahl Deiner eigenen Projekte vor, wenn Du nicht im Auftrag anderer fotografierst? Beispiel: Deine Wiesn-Serie.
VD: Ich habe den Anspruch, ein Bild schon so in der Kamera zu komponieren, dass ich keinen Ausschnitt zu nehmen brauche. Eine Frage ist dann: Ist auf dem Bild das zu sehen, was ich meine. Man kann natürlich auf dem Oktoberfest sehr viele schöne Fotos machen, die vergleichsweise leicht von der Hand gehen. Mich interessieren Situationen, in denen Befindlichkeiten kippen. z.B. die Situation, wenn nach Schankschluss die Menschen aus den Zelten kommen und sich dann mehr oder weniger mühsam in der Realität zurecht finden müssen. Oder die Stimmung, die sie im Zelt hatten, in den Alltag wieder hineintragen. Es sind psychologische Phänomene, die mich besonders interessieren.

PWM: Welche Fotografen haben Dich geprägt, gibt es ein Vorbild? Welche schaust Du gern an?
VD: Ich habe sehr viel autodidaktisch gelernt. Es hat bei mir verschiedene Vorbilder gegeben. In meiner Anfangszeit gab es zwei große Begegnungen. Die erste war Herbert List. Die zweite, noch größere Begegnung, war Heinrich Riebesehl. Diese beiden sind mir Vorbilder für das, was man mit Bildern sagen kann. Auch Vorbilder dafür, dass man von standardisierten Gestaltungskanons abweichen kann.

PWM: Welchen Tipp gibst Du, um sich fotografisch weiterzuentwickeln?
VD: Ich halte es für sehr wichtig, sich vor allzu vielen fremden Einflüssen zu schützen. Ich empfehle, zunächst nur für sich selber zu schauen, wie weit komme ich. Was ist mir wirklich wichtig, was will ich wirklich sagen. Man findet das nicht gleich heraus. Das bedarf einer Anlaufzeit von zwei, drei Jahren, bis sich ein wirkliches Interesse herauskristallisiert, weil einen vielleicht am Anfang sehr viel interessiert.

Ich halte es allerdings für sehr wichtig, sich sehr viele Bilder anzuschauen und sich da zu fragen: „Was bewegt mich? Was kann ich mir von diesen Bildern abschauen?“ Außerdem muss man natürlich sein Handwerkszeug beherrschen. Das heißt, man muss sich darüber im Klaren sein, wie ein Motiv wirkt, wenn man es mit einem Normalobjektiv fotografiert, und wie es wirkt, wenn man es mit einem Weitwinkelobjektiv fotografiert. Oder: Bei welcher Blende habe ich bei welchem Objektiv welchen Bereich scharf. Das sind technische Voraussetzungen, die man beherrschen sollte, um gestalten zu können.  Das kann sich im Grunde jeder selber beibringen, wenn er sich seine Exif-Daten anschaut, oder, wenn man mit Film fotografiert, Reihenbelichtungen macht, um die unterschiedlichen Wirkungen zu studieren.

PWM: Wann ist für Dich ein Bild ein gelungenes Bild?
VD: Ein gutes Bild ist eines, das mich selber bewegt und auf dem das drauf ist, was ich selber zum Ausdruck bringen wollte.

PWM: Du portraitierst unter anderem. Arbeitest Du dann im Studio? Wie hältst Du es mit Kunstlicht?
VD: Ich portraitiere grundsätzlich bei vorhandenem Licht. Es gibt verschiedene Aufträge, wo ich verschiedene Blitzlichttechniken verwende, wenn ich nachts fotografiere. Im Studio fotografiere ich nie. In der Momentfotografie gilt immer nur „hopp oder topp“ und mehr gibt es nicht. Das empfinde ich zwar auch als äußerst stressig, aber immer noch weniger stressig als die Studiofotografie. Es kommt ungefähr alle zwei Jahre vor, dass ich einen Auftrag mit Kunstlicht fotografieren muss. Ich bete immer vorher fünf „Vaterunser“ und hoffe, dass alles funktioniert. Ich bring’s dann eigentlich auch immer hin. Aber es bereichert mich nicht.

PWM: Du hast kürzlich ein Buch mit Deinen Fotos illustriert.
VD: Ja. Das Buch heißt „Weltstadt mit Föhn. Eine Münchner Pflichtlektüre“ und erschien im vergangenen Sommer im Verlag Langen / Müller.

Volker, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast. 

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