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Foto-Rollen

Im „Buch und Bohne“, 03.06.2011

 

Photowalkingmunich: Erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Foto?
Sarah Seifert: Ja. Meine Mutter hatte noch so eine ganz alte Kamera, die man vorne ausklappen musste, mit Rollfilm. Damit habe ich meinen Vater auf dem Spielplatz fotografiert. Da werde ich so sieben oder acht Jahre alt gewesen sein.

Eine weitere Begebenheit: Vor 25 Jahren lebte ich in den Vereinigten Staaten. Damals hatte ich mir eine Kamera ausgeliehen. Ich machte Fotos von einem alten Grand Hotel. Ich habe festgestellt, dass mein Stil zu fotografieren schon damals ähnlich war wie heute. Nämlich, dass ich abseits des Prunkvollen die abgeschabten Sofas und halbe, abgebrochene Treppengeländer fotografiert habe.

Vor fünf Jahren habe ich dann noch mal von neuem zu fotografieren angefangen. Und zwar mit dem Anpfiff der Fußball Weltmeisterschaft in Deutschland. Ich fotografierte Fußball und Feiern auf der Leopoldstraße. Das war für mich die beste Zeit, fotografieren zu lernen, weil die Leute unterwegs waren, feierten und raus gingen. Das war damals ein super Sommer. In der Zeit habe ich irre viel geübt. Das war „die“ Zeit schlechthin. Wenn irgendwo etwas war, dann sagte ich: „So, ich bin jetzt unterwegs; ich und meine Kamera.“ Leider existiert davon kein Bild mehr, weil die Festplatte kaputt ging.

PWM: Was fasziniert Dich besonders an der Fotografie?
Sarah Seifert: Ich schaue, dass ich Dinge im Alltag finde, die eigentlich so gar nicht existieren könnten, die ein bisschen surreal sind. Bei denen man sich fragt: Wie funktioniert das? Geht das überhaupt? Kann das so sein? Wie kommt das zustande?

Interessant finde ich auch, wenn ein Bild eine Geschichte erzählt, die aber nicht gleich zu sehen ist. So eine Situation war z.B. im Westend: Da steht auf einem Dach ein Stuhl. Über dem Stuhl ist ein riesengroßes Abzugsrohr. Alles wirkt verzerrt. Und man fragt sich: „Wo ist jetzt die Person geblieben? War jemals eine Person auf diesem Stuhl? Ist sie durch das Abzugsrohr entfleucht?“ Das ist eine Geschichte, die natürlich so nie stattgefunden haben kann. Ein anderes Beispiel: Ein Steg an einem menschenleeren Strand. Man weiß nicht: War da vorher jemand gerade da? Oder ist es eine Situation, in der eine Begegnung stattfinden wird. Es ist nicht so sehr eine konkrete Vorstellung vom Bild, sondern eher eine Vorstellung vom Gefühl. Das geht nicht immer, so zu fotografieren. Wenn ich es dann aber sehe, dann denke ich: Ah, das ist es. Oft ist es auch so, dass ich Bildpaare bilde, die räumlich und zeitlich nicht in einem Zusammenhang stehen, und dann erst wird es eine Geschichte.

PWM: Worauf legst Du in Deiner Fotografie besonderen Wert?
Sarah Seifert: Sehr spannend finde ich Straßenfotografie. In München gibt es für mich zirka fünf Plätze, zu denen ich zum fotografieren gehe. Was ich nicht mache ist, dass ich einfach nur durch die Straßen renne und Menschen mit dem „Tele abschieße“. Ich setze mich stattdessen für mehrere Stunden an einen Platz, schaue, was da passiert, lerne die Menschen kennen und mache dann Fotos. Es ist eigentlich mehr dieses Schauen, was grade passiert. Schauen, welche Situationen haben Spannung, haben eine Geschichte. Die Geschichte kann dabei ganz anders sein, als das, was real passiert ist. Das, was man auf dem Foto sieht, muss ja nicht zwangsläufig das sein, was man mit der Kamera eingefangen hat.

Ich mag es, im Alltag Details zu sehen und aufzuspüren, die surreal-poetisch sind. So kann z.B. auch ein Müllhaufen in der Stadt etwas Schönes haben.

Weniger interessiert mich dokumentarische Fotografie oder auch Architektur. Technik und Bildbearbeitung sind für mich nachrangig.

PWM: Welche Bilder siehst Du Dir selber gern an?
Sarah Seifert: Ich finde vieles von Wim Wenders gut. Seine Fotos sind eher leer, melancholisch. Ein Cowboy, der nur als solcher zu erkennen ist, weil er ein Klischee erfüllt – Cowboyhut, Cowboystiefel, irgendwo in Texas, allein…

Die japanischen Fotografen, die hier in Deutschland noch gar nicht so richtig angekommen sind, finde ich gut, weil sie alle dieses Surreale haben. Sie machen viel mit Natur, sehr reduziert, manchmal wie Traumsequenzen. Das finde ich sehr interessant. In eine ähnliche Richtung gehen auch die Sachen, die ich mache.

Daneben finde ich auch die dänische und die finnische Helsinki-Schule äußerst spannend.

PWM: Gibt es ein Vorbild, das Dich geprägt hat?
Sarah Seifert: Saul Leiter. Inge Morath. Inge Morath war eine der ersten Frauen bei Magnum. Sie hat viel am Set mit Marilyn Monroe fotografiert.

PWM: Wie kann man die eigene Fotografie weiter entwickeln?
Sarah Seifert: Viele Ausstellungen besuchen. Viele Bilder anschauen, ganz egal, wo – ob in der Malerei, in der Zeitung. Einfach mal in Tageszeitungen schauen, wie Fotografie funktioniert, wie der Blick funktioniert. Und durchaus auch Bilder nach fotografieren.

Wichtig ist, dass man nicht zu „verkopft“ rangeht. Dass man nicht immer denkt: „Ist das jetzt mittig, ist das im Goldenen Schnitt, ist das dies oder jenes?“ Sich einfach mal zutrauen, zu sagen: Ich mach das jetzt so.

PWM: Gibt es ein Projekt, an dem Du aktuell arbeitest?
Sarah Seifert: Mehrere. Derzeit mache ich bei einem Ausstellungsprojekt zum Thema „Blau“ mit – zu sehen ab 14. September 2011 in der Galerie eigenart, VHS Harras. Wir haben alle völlig unterschiedliche Ansätze. Mein Ansatz ist der, dass ich Blau definiert habe als Himmel, als Wasser, die Spiegelung des Himmels im Wasser, Wasser ist zugleich wieder Himmel, da es ein Kreislauf ist, der immer wieder ineinander übergeht.

Ein weiteres Gemeinschafts-Projekt ist „Heimat“. Über die eigentlichen Fotos hinaus geht es um die Auseinandersetzung mit dem Thema. Was ist Heimat eigentlich? Heimat als Gefühl, nicht als Ort. Das bedeutet, ich präsentiere erst mal gar nicht gleich ein Foto. Sondern erst mal zu schauen, zu lesen, was Heimat eigentlich ist.

Eine andere Gruppenausstellung ist für Januar 2012 in der Seidlvilla geplant. Da geht es um Schwabing, um Kunst, um das Jahr 1900. Mein Ansatz ist hier, dass ich mich auf die Suche mache mit der Frage: Wie ging es den Frauen damals, bis sie die Zulassung erhielten an die Kunstakademie? Hier habe ich nur das Gefühl fotografiert, von dem ich meine, dass die Frauen es hätten haben können. Mir geht es nicht darum, die Frauen zu dokumentieren, sondern ich will dem nachspüren, wie es den Frauen damals ging, welche Zeit das damals war. Das war ein weitaus mühsamerer Weg als bei den männlichen Kollegen, da die Frauen keinerlei finanzielle Absicherung hatten .Es war Ausbruch aus den bürgerlichen Normen. Es war auch politischer Kampf. Frauen waren erst nach der Revolution 1918 an der Kunstakademie zugelassen. Diesen Weg wollte ich fotografisch darstellen. Auf meinen Fotos für diese Ausstellung ist bisher keine einzige Frau zu sehen.

PWM: Sarah, vielen Dank, dass Du Dir Zeit genommen hast für unser Interview.
Einige Bilder von Sarah Seifert sind noch zu sehen in der Buchhandlung „Buch und Bohne“, Kapuzinerplatz 4 in München.

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